Innerlich.

Mein Onkel ist zu besuch.  Aber nicht nur irgendein Onkel, es ist der Bruder meines leiblichen Vaters. Als ich ihn das erste mal gesehen habe, viel mir sofort seine innere Ruhe auf. Er ist anständig und seine Kinder schätzen ihn als Vater. Ich will nicht wissen, was seine Kinder über mich denken. Wahrscheinlich kannten sie meinen Vater und die ganzen Geschichten und plötzlich steht seine Tochter vor ihrer Tür. Manchmal vergesse ich es, eine Polin zu sein. Aber je mehr ich da sahs und jedes einzelne Wort verstand, was sie redeten, fühlte ich mich wieder wie ein kleines Kind. Meine erste Sprache die ich konnte war polnisch. Ich war ein richtiges polnisches kleines Mädchen. Ich war oft in Polen bei meiner Oma mit meiner Schwester, Mama hatte immer viel zu tun. Mit meiner Cousine verbrachte ich die meiste Zeit zusammen, neben meiner Schwester. Obwohl wir zwei Jahre auseinander waren, machten wir alles zusammen. Wir redeten dabei nur polnisch. Aber das war unser Problem damals. Wir mussten plötzlich eine andere Sprache können. Ich tat mich nicht schwer dabei, ich war da gerade erst vier und je kleiner man ist, umso leichter kann man einem Kind was beibringen. Meine Cousine war schon sechs und tat sich damit ganz schwer. Ich durfte sie zwei Jahre nicht sehen, weil meine Tante meinte, dass sie wegen  mir kein deutsch konnte und nur mit mir polnisch sprach. Das war für mich sehr schwer damals. Kein polnisch sprechen. Nur deutsch. Das sagte selbst meine Mutter immer zu mir. Und eines Tages, wenn meine Mutter mich was auf polnisch fragte, antwortete ich auf deutsch. Jedes mal. Polnisch war in meinem Leben gar nicht mehr so wichtig gewesen. Deutsch können stand ganz oben bei mir. Im Kindergarten hatte ich so meine ersten Freunde gefunden und in der Schule sah man mir nicht mehr an, dass ich eine Polin war. Plötzlich war ich eine deutsche gewesen. Ich lernte lesen und schreiben auf deutsch. Man hat mich zu was ganz anderes geformt. Und meine polnische Familie lernte ich nie kennen oder sah sie viele Jahre nicht mehr. Das was ich wirklich war, versteckte sich in meinem Herzen und ist ganz tief vergraben worden. Ich war keine Polin mehr. Ich war eine deutsche. Und als meine Oma nach sieben Jahren uns besuchen kam, konnte ich nicht mehr mit ihr sprechen. Es war einfach weg. Ich konnte sie verstehen, jedes einzelne Wort aber ich konnte es nicht von mir geben. Ihr Gesicht dabei, als ob ihr Herz brechen würde. Und es tat mir so leid in diesem Moment. Aber ich gehörte nicht mehr dazu. Ich war keine Polin mehr. Ich sprach es nicht mehr bis ich meinen Vater kennenlernen wollte. Und als mein Onkel Freitag mit mir getanzt hat, hat er mit mir einen polnischen  Tanz getanzt, den alle Polen können in meinem Alter. Meine Tante nahm es ganz stolz mit ihrem Handy auf und sagte :Wie eine richtige Polin tanzt du. Du bist eine Kluczkowski“. Dieser Satz, bei dem bekam ich eine Gänsehaut durch meinen ganzen Körper. Als ob mich etwas berührt hätte. In diesem Moment, mochte ich meinen Namen zum ersten mal. Durch meinen Vater hab ich diesen Namen nur mit schlechten Dingen verbunden, aber zum ersten mal sah ich, dass dieser Name nicht nur Schmerz in mir auslöste, sondern auch liebe.