An meine Eltern

Du bist gerade in mein Zimmer gekommen Mama und hast gefragt, was ich mache. Das ich ein Blog habe ist einer der vielen Dinge, die du nicht über mich weißt. Du kennst mich, ich bin deine Tochter. Aber jeder hat seine Geheimnisse. Ich habe meinen Blog schon drei Jahre. Dort schreibe ich immer meine Gedanken und Gefühle auf, weil ich sie nie so wirklich ausdrücken kann. Ich weiß auch nicht, wieso ich mich euch nicht so öffnen kann. Man soll mit den Eltern doch alles reden können oder nicht? Ihr kennt mich Zuhause, als das Stille Mädchen, was nie wirklich etwas erzählt. Bei meinen Freunden bin ich die lauteste. Die verrückteste. Die, die immer so viel zu erzählen hat, weil bei ihr immer so vieles passiert. Vielleicht erzähle ich euch nicht so viel, weil ich leider von klein auf mich meiner Angst stellen musste, jeden Tag. Die Angst hat so viel Macht über meinen Körper. Als ich dich kennenlernte Papa, hatte ich Angst vor dir. Ich wollte nie mit dir alleine sein. Ich wollte, dass du gehst. Weißt du noch Mama, als du Roland endlich raus geworfen hast und er nur zwei Wohnungen weiter von uns entfernt war? Das war mein Schulweg. Ich bin morgens immer daran vorbei gerannt. Und zurück bin ich immer durch die Schrebergärten gelaufen. Manchmal hast du mich sogar angemeckert, dass ich so spät zuhause sei. Dabei bin ich immer ein Umweg gelaufen, aus lauter Angst. Das wusstest du wahrscheinlich nie. Wie gesagt, du kennst mich, aber du weißt viele Dinge nicht. Als ich das erste mal mit Papa alleine war, war ich krank. Ich hatte Magendarm und du warst arbeiten. Er war in unserem Zimmer am Computer und ich lag im Bett. Ganz still war ich und habe versucht, so leise wie möglich zu atmen. Aber als ich zur Toilette musste, wollte ich mich leise raus schleichen. Roland hat nämlich alles an mir kritisiert. Wie ich laufe, wie ich esse, ja sogar wie ich mir die Hände waschte. Und machte ich es einmal nicht so, wie er es wollte, zack, lag ich auf dem Boden. Papa hat gemerkt, dass ich raus wollte. Er fragte mich, wieso ich mich raus schleiche, es sei doch total normal, dass ich zur Toilette musste, wenn ich krank bin. Ich sagte nichts und ging ganz schnell aufs Klo. Mein Herz raste und ich habe gehofft, das du nach Hause kommst. Er hat sich wirklich immer so viel Mühe gegeben, mein Vertrauen zu gewinnen. Jetzt kommen mir wieder die Tränen. Er hat mir so vieles beigebracht und sich um mich gekümmert. Und als Emely da war und Papa immer mit ihr Spazieren gehen wollte, bin ich mit gegangen. Aber nicht wegen Papa. Ich hatte Angst. Angst, dass er Emely etwas antut. Ich wollte sie beschützen, eine Siebenjähre hatte solche Gedanken. Das alles nur wegen der Angst. Obwohl Papa doch so ein guter Mensch ist. Nach einer Zeit ging es. Und als ich zehn war und Emely drei, haben wir viel auf dem Heuboden gespielt. Wir haben immer eine Heuschlacht gemacht. Einmal habe ich aber nicht aufgepasst und Emely bekam Staub ins Auge und fing an zu weinen. Du warst in der Nähe Papa und hast gefragt, was passiert ist. Ich hab versucht es dir zu erklären und wollte Emelys Hand nehmen aber du wolltest mich zur Seite schieben..und hast mich dann ausversehen geschubst und ich viel hin. Sofort bekam ich Angst und selbst deine geschockten Augen und dein „Es tut mir leid“ kam nicht bei mir an und ich rannte weg. Ich habe dann geweint, weil ich etwas falsch gemacht habe und auf dem Boden lag, wie Roland es früher gemacht hat. Es sind diese Kleinigkeiten, die ihr nie wusstet. Kleinigkeiten, die mich geformt haben. Du konntest nichts dafür Papa, du wusstest nicht, dass ich danach noch mehr Angst hatte, was falsches zu tun. Das speicherte sich alles  bei mir ab. Aber je älter ich wurde, desto mehr ging das in den Hintergrund. Ihr habt nichts falsch gemacht, dass alles ist nicht eure Schuld. Du hast für uns gekämpft Mama, in Zeiten, wo wir nur uns drei hatten.  Und Papa, du kamst leider zu spät um mir all die schönen Dinge zu erzählen, denn bei mir war schon was verankert. Ich hatte immer das Gefühl, ein Problem Kind zu sein. Es lag nicht an euch. Ich wollte auch so gut sein, wie Michela, sie war schon immer mein Vorbild gewesen. Ich hatte das Gefühl, dass alle in meiner Klasse immer besser waren als ich. Woher kam denn diese Unzufriedenheit? Wieso habe ich mich immer so hart beurteilt? Das weiß ich selber  nicht, es war einfach wie eingespeichert. Und zu meinem Pech wurde ich auch noch krank. Chronische Schmerzen zu haben, sind nicht einfach nur Schmerzen. Ich stehe morgens auf und fühle mich, als hätte ich Fieber. So schlapp und müde aufzustehen will niemand. Die meisten bleiben ja dann mit Fieber im Bett liegen. Leider darf ich das nicht. Ich stehe aber immer später auf, ich hab schon oft deswegen fast den Bus verpasst. Ich erinnere mich an das Mädchen, die perfekt immer alles organisiert hat und immer pünktlich für die Schule aufgestanden ist. Es macht mich traurig, dass sie plötzlich so weit entfernt scheint.  Ich fühle mich einfach dauerkrank. Noch dazu kommen die Schmerzen, die hin und her von Körperteil zu Körperteil wandern, als ob es Leben würde. Ich kämpfe mit meinem eigenem Gehirn. Mein Schmerz ist so unterschiedlich, es fühlt sich immer anders an. Manchmal wie ein blauer Fleck, dann wie Feuer aber ganz oft wie Strom. Es ist ein ekelhaftiges Gefühl, wenn der Strom durch deine Knochen hin und her wandert. Ihr tut mir leid, Mama und Papa. Mama, du kannst mir nicht helfen und das ist das schlimmste, was einer Mutter passieren kann, meintest du. Wenn dein eigenes Kind leidet und man nur zusehen kann. Ich kann nicht sterben Mama, Gott will nicht, das ich sterbe. Ja und ich stehe nur für euch auf. Wie oft wollte ich im Bett liegen bleiben, weil mich meine Schmerzen die ganze Nacht wacht gehalten haben. Und ich gehe trotzdem zur Schule. Mein Gesicht ist manchmal so blass, dass meine Freunde sagen, ich sehe aus wie der Tod. Ja, so fühle ich mich oft. Aber ich lächel dich immer an Mutter. Ich bleibe stark, ich bin dein Kind. Deine Stärke fließt durch meinen Adern. Ich werde eines Tages genau  stark sein für meine Kinder. Du würdest für mich sterben Mama. Ich würde auch für dich sterben. Für jeden von euch in meiner Familie. Emely, es tut mir leid, dass du mich oft  sehen musstest. Du kamst manchmal einfach in mein Zimmer und hast mich weinen gesehen. Auch wo ich meine Anfälle hatte, habe ich deine Angst in deinen Augen gesehen. Manchmal hast du mir sogar geholfen. Als ich geweint habe, hast du dich neben mich gesetzt und hast mir ein Taschentuch gegeben und mich ganz doll umarmt. Es tut mir leid Emely, ich bin die große, ich muss auf dich aufpassen, nicht umgekehrt. Ich bin stolz auf dich. Papa, ich weiß wir hatten nicht immer so ein guten draht zueinander. Das war nicht fair von mir.  Du hast mir das Uhrenlesen beigebracht mit fünf. Du hast mich abends immer ins Bett gebracht in Bochum. Du hast mir eine kleine Schwester geschenkt und dieses Leben hier. Du warst mit mir bei so vielen Ärzten um heraus zu finden was ich habe. Du gehst jeden Tag raus und kämpfst mit deinem Leben, nur damit wir in ruhe schlafen können. Ich denke viel darüber nach wie meine Krankheit entstanden sein konnte. Ich hatte nie wirklich einen Unfall, der meine ganz Körper Schmerzen ausgelöst haben kann. Aber mir den Kopf zu zerbrechen macht die Sache nun auch nicht besser. Meine Freunde haben es nicht leicht mit mir in letzter Zeit. Ich hab mich gestern aufgerafft, mich mit meiner besten Freundin wieder zu treffen. Ich melde mich nie bei ihr, was mir auch leid tut. Obwohl ich sie über alles liebe. Svenii hab ich schon lange nicht mehr gesehen, drei Monate oder so. Bei Martin melde ich mich auch nie, obwohl er mein bester Freund ist. Aber ich bin zu müde, um meine ganzen storys zu erzählen und zu müde, um mir seine anzuhören.Ich war damals ein echt guter zuhörer. Aber mitlerweile kann ich nicht mal mehr richtig zuhören, wenn man direkt mit mir spricht. Das ich nicht mal absicht. Es tut mir leid. Ich bin selber zu ihm richtig kacke. Ich sage dinge, ohne darüber nachzudenken. Max hat mich für diese Eigenschaft geliebt. Ich hab nie groß drum herum geredet, sondern war knall hart. Bei ihm bin ich wohl zu knall hart.  Ich weiß auch nicht wieso. Als ich letzte Woche bei ihm war und er raus gegangen ist, habe ich von seiner Schwester einiges erfahren und es hat mich etwas stutzig gemacht. Er hätte wohl ein alkohol Problem. Da tat er mir leid und ich wollte eigentlich zu ihm und ihn umarmen aber ich blieb wie angewurzelt sitzen. Obwohl wir nicht zusammen sind und das wahrscheinlich auch nie passieren wird, bin ich mitten in seiner Familie drin und die reden so mit mir, als ob ich zur Familie gehöre. Seine Schwester hat mich schon immer gemocht, meinte sie. Sie hat mir mal gesagt, wie froh sie ist, dass er mich kennengelernt hat.  Wir haben uns glaube ich im Juni für zwei Stunden getroffen, als er arbeiten war. Er weiß nichts davon, er musste auch nicht wissen, wie sehr wir uns wirklich verstanden. Sie hat mir so viel von seiner Vergangenheit erzählt, so viele Dinge wo ich mich gefragt habe: Und was soll ich jetzt machen? Sie hat wahrscheinlich gehofft, dass ich ihn zu irgendwas bewege. Hab ich das? Ich denke nicht so wirklich. Und obwohl ich alles über seine Vergangenheit weiß, bin ich trotzdem bei ihm geblieben. Ich war für ihn da und er für mich. Mama, du hasst ihn aber du kennst ihn nicht so wie ich. Er hat schon so vieles für mich getan und mich so oft zum lachen gebracht. Er hat ein gutes Herz und ich werde immer hinter ihm stehen. Als Freunde.

Heute gehe ich auf einen Geburtstag. Aber mir geht es gerade richtig scheiße. Abzusagen wäre echt scheiße, ich will meine Freundin nicht enttäuschen, die sich so darüber gefreut hat. So, einfach mein lächeln auf setzten, mich nach Wochen wieder schminken, damit ich nicht wie de Tod aussehe, was hübsches anziehen und fertig. Ich schaff das schon. Ich muss.